Liebe Freunde Nordzyperns,

am 2. November flog ich zum zweiten Mal in diesem Jahr für zweieinhalb Wochen in den schönsten Teil der schönsten Insel der Welt - nach Nordzypern. Es gab dreierlei Gründe für diese Reise: Erstens waren noch Dinge für meinen humanitären Hilfsverband "Rote Taube - Kirmizi Güvercin" zu klären - und soviel habe ich schon gelernt, daß ich das am besten persönlich mache. Zweitens hatte ich nach einer üblen Gallenkolik und der darauf folgenden Operation ein wenig Erholung dringend nötig. Und wo erreiche ich das am besten? Und drittens hatte ich den dringenden Wunsch, dem bereits einsetzenden miesen Novemberwetter zu entfliehen, waren doch dort die Temperaturen noch in einem für mich normalen Bereich (25-27° C, auch das Meer hatte noch ca. 24° C!).

Für mich persönlich war der Aufenthalt ein voller Erfolg. Obwohl am 15. November große Feierlichkeiten für den Cyprus Day geplant waren, bekam ich sofort einem Termin bei Nurper Moreket, der Chefin des Informationsbüros der TRNC im Außenministerium. Sie nahm mich unter ihre Fittiche, lud mich gleich zum Mittagessen ein, begleitete mich dann als Organisatorin und Übersetzerin zu Dr. Hasan Öztoprak im Gesundheitsministerium, den ich schon von meinem vorherigen Aufenthalt kannte, und lud mich zu zwei Empfängen aus Anlaß jenes Cyprus Day´s ein, weil sie davon fasziniert war, eine ausländische Zeitzeugin der Geschehnisse im Jahre 1963 präsentieren zu können. Allerdings wie sich später herausstellte, funktionierte das wegen der dramatischen Ereignisse später nicht so recht.

Ich bekam also meine gewünschte Bestätigung der Gemeinnützigkeit des Gesundheitsministeriums und der angegliederten Krankenhäuser - übrigens in perfektem Deutsch, weil sich ein junger Beamter im Präsidialamt gefunden hatte, der unsere Sprache fließend beherrschte... Ich fuhr auch in der darauf folgenden Woche mit Dr. Hasan Richtung Güzelyurt und noch etwas weiter, um das kleine Krankenhaus Cengiz Topel Hastahanesi zu besuchen. Eine sehr nachdenkliche Ursula fuhr Stunden später wieder zurück. Dr. Hasan war sehr stolz auf dieses Krankenhaus, man sehe doch, wo das Geld bleibe. Zugegeben, es wurde gemalert, ein Warteraum war neu gefliest, ein Loch in der Decke wurde gerade repariert (ein Wunder, daß das in sich zusammenstürzende Gerüst mir nicht auf die Füße fiel! Ich konnte gerade noch zur Seite springen, aber als Karateka hat man ja noch recht gute Reflexe.) Aber die Ausstattung? Ein einziges EKG-Gerät für ca. 20 000 Patienten pro Jahr, keinerlei Ausstattung der modernen Medizin wie Ultraschall, Sonographie oder gar CT... Das Röntgengerät haben sie mir vorsichtshalber schon gar nicht gezeigt! Nun, deswegen war ich ja da. Die Wunschliste wird mir noch zugestellt, ich weiß allerdings jetzt schon, daß wir sehr, sehr viel Geld brauchen, wenn ich das verwirklichen will, was mir vorschwebt: ein gut ausgestattetes kleines Notfallkrankenhaus!

Für unsere türkisch-zyriotischen Freunde war es aber eine Zeit der ansteigenden Katastrophen: Es fing schon am Tag meiner Ankunft an: Fenerbahce, der von den meisten Zyprioten favorisierte Fußballverein verlor gegen Galatasaray sage und schreibe 6:0! Aber das war bald vergessen, denn das Ergebnis der Wahlen in der Türkei bewertete man vorsichtig negativ für die TRNC - und diese Bewertung war wohl richtig. Der wirklich ernste Schlag kam aber am 12. November, als der neue UN-Plan bekannt wurde. Natürlich sprach man nur noch davon, alles andere rückte in den Hintergrund. Auch auf den zwei Empfängen am 14. und 15. war er Thema Nr.1. Für die Menschen, mit denen ich sprach, ist er in keiner Weise akzeptabel, gerade der Verlust des besten Zitruslandes um Güzelyurt geht an die Existenz. Wovon sollen die umgesiedelten Zitrusbauern in der Gegend um Lefkosha leben? Aber das ist nur ein Negativum von vielen, auch wenn es für mich im Vordergrund steht. Ich habe mehr und mehr das Gefühl, daß Politik heutzutage nicht mehr für die Menschen, sondern nur um ihrer selbst willen gemacht wird. Macht, Erdöl, Geld...

Auf einem dieser Empfänge traf ich das Gegenstück von unserem Uli Piller, den Repräsentanten der TRNC in Budapest, einen Schweizer mit dem typisch helvetischen Namen Cpt. John McGough. Er interessierte sich sehr für meine Taube - stutzte aber kurz: "Warum sind Sie nicht e.V.?" (mit der Betonung auf dem e!) Ich klärte ihn darüber auf, daß uns bislang noch die Mittel dazu fehlten, worauf er seine Brieftasche zückte und mir 100 Dollar auf den Tisch legte: "Ich möchte gerne, daß Sie e.V. (mit der Betonung auf dem e) werden - denn ein Verein in Deutschland ohne e.V. (mit der...) ist nichts!" So wird die "Rote Taube" demnächst "e.V." (mit ...) Danke, John!

Das liest sich jetzt alles sehr arbeitsintensiv an. Aber es gab gottlob auch Tage, an denen ich am Strand lag, die Sonne genoß, im Meer (wenn auch am Anfang mit einiger Überwindung) im Meer schwamm, die Katzen verscheuchte, auf dem Balkon den Sonnenuntergang betrachtete und dem Muezzin zuhörte, in Girne spazieren ging, kurz, mich so richtig erholen konnte.

Trotzdem kam ich mir beim Abflug wie eine Ratte vor, die das sinkende Schiff verläßt. Der Anstieg von Gecitkale über das Beshparmak-Gebirge mit den von der aufgehenden Sonne rosa gefärbten Zinnen und noch dunklen Schluchten, Girne unten im Schlaf, in der Ferne die weite Bucht von Güzelyurt hinein in den untergehenden Vollmond - herzzerbrechende Schönheit mit Tränen in den Augen betrachtet - was auch immer passiert, ich muß, will und werde wieder fliegen!

Ursula Schölz-Koenig